Sportreport Eishockey: Pardubice ist einen Schritt näher am Titel als Brünn

18-04-2012 16:55 | Lothar Martin

Unter den tschechischen Eishockeyfans herrscht derzeit wieder Hochstimmung. Der Grund ist die heiße Phase des Meisterschaftskampfes, die Play-offs, in denen nur noch eine Frage aussteht: Wer wird Meister? Die Entscheidung in der Endspielserie zwischen Pardubice und Brno / Brünn, in der fünf Begegnungen gespielt sind, fällt entweder am Donnerstag oder spätestens am Samstag.

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Auftaktspiel in Pardubice (Foto: Petr Kraus, Archiv HC Kometa Brünn)Auftaktspiel in Pardubice (Foto: Petr Kraus, Archiv HC Kometa Brünn) Die Stimmung bei einem Eishockeyfinale der tschechischen Extraliga kann eigentlich nicht besser sein als in diesem Jahr. Aus dem einfachen Grund, weil sich in der Endspielserie mit dem HC ČSOB Pojištovna Pardubice und dem HC Kometa Brünn genau jene Vereine gegenüberstehen, die die größte Fanbasis unter den 14 Extraligisten haben. Deshalb sind die beiden Spielstätten, die ČEZ-Arena in Pardubice und die Kajot-Arena in Brünn, bei jedem Finalmatch mit 10.050 beziehungsweise 7200 Zuschauern auch immer restlos ausverkauft. Und die Zuschauer dürften ihr Kommen bisher bei keiner Partie bereut haben, denn jedes Mal wurde ein wahres Spektakel geboten. Das Auftaktspiel in Pardubice zum Beispiel war an Dramatik kaum zu überbieten. Viermal gingen die Gastgeber in Führung, doch jedes Mal konnten die Blau-Weißen aus Brünn nahezu postwendend den Ausgleich markieren. Nach der offiziellen Spielzeit von 60 Minuten stand es folglich 4:4, und weil auch in der zehnminütigen Verlängerung kein weiterer Treffer fiel, musste das abschließende Penalty-Schießen entscheiden. Dabei traf nur der Kapitän der Elbestädter, Petr Koukal, so dass Pardubice den ersten Sieg davontrug. Die Zuschauer konnten also gleich neun Tore bejubeln, für die Trainer ist eine solche Torflut aber eher ein Grauen. Der Co-Trainer von Pardubice, Ladislav Lubina, fand dann auch trotz des Sieges mehr kritische als lobende Worte:

Ladislav Lubina (Foto: Archiv HC Kometa Brünn)Ladislav Lubina (Foto: Archiv HC Kometa Brünn) „Kometa war läuferisch besser, wir hinkten immer einen Schritt hinterher, deswegen fanden wir zunächst schlecht ins Spiel. Negativ war auch, dass wir zwar viermal in Führung gegangen sind, diese Führung nach unnötigen Fehlern aber immer gleich wieder hergeschenkt haben. Ich bin daher sehr froh, dass wir das Spiel am Ende noch im Penalty-Schießen gewonnen haben.“

Der Top-Scorer der Play-offs und Center von Kometa Brünn, Tomáš Divíšek, wiederum versuchte, die Niederlage schnell abzuhaken:

„Es ist immer ärgerlich, wenn man verliert. Aber Jesus Maria, was ist passiert: Wir sind im Finale, und das war erst das erste Spiel.“

Tomáš Divíšek und Jozef Balej (Foto: ČTK)Tomáš Divíšek und Jozef Balej (Foto: ČTK) So unbeeindruckt, wie sich Divíšek über die Brünner Auftaktniederlage zeigte, so unbeeindruckt und kess spielte die Mähren tags darauf im zweiten Duell in Pardubice auf. Nach dem ersten Drittel führten sie 2:0, in der 53. Minute sogar mit 6:2. Dann aber drehten die Gastgeber noch einmal auf und kämpften sich binnen zwei Minuten auf 5:6 heran. Doch dabei blieb es. Kometa feierte seinerseits den ersten Sieg. Verteidiger Jiří Vašíček war dennoch unzufrieden:

„Beim Stand von 6:2 haben wir es uns unnötig schwer gemacht. Drei Spieler von uns mussten noch auf die Strafbank, und der Gegner hat das zweimal zu Toren genutzt. Pardubice fand also durch die Hintertür zurück ins Spiel, wir aber können froh sein, dass es trotzdem zum Sieg gereicht hat.“

Mit dem Zwischenstand von 1:1 in der Serie wechselte das Heimrecht nach Brünn, wo seit Wochen Euphorie herrscht. Kein Wunder, denn die sportbegeisterte Messestadt erlebt erst zum dritten Male die Eishockey-Play-offs, obwohl ihr traditionsreicher Club schon elf Meistertitel vorweisen kann. Doch die wurden allesamt in den 1950er und 60er Jahren geholt, als es das Play-off-System noch nicht gab. Der letzte Titelgewinn liegt schon 46 Jahre zurück. Umso größer war die Freude unter den Anhängern des blau-weißen Adels, wie die Fans ihren HC Kometa liebevoll nennen, dass sich der Außenseiter nach den Play-off-Siegen über die Top-Clubs der Vorrunde, Sparta Prag und Pilsen, bis ins Finale vorkämpfte. Die Begeisterung kennt seitdem in der Messestadt keine Grenzen mehr, sagt ein Fan:

In Brünn herrscht Euphorie (Foto: ČTK)In Brünn herrscht Euphorie (Foto: ČTK) „Es herrscht eine Riesen-Euphorie, denn jahrelang konnte man in Brünn keine Erfolge mehr bejubeln. Ja, ich würde sogar sagen: So schier aus dem Häuschen, wie wir es hier sind, ist sonst niemand in Tschechien. Ganz Brünn lebt jetzt förmlich Eishockey.“

Dem ist nicht zu widersprechen, denn der Erwerb von Tickets für die ständig ausverkaufte Kajot-Arena kam einem Lottogewinn gleich, die Finalspiele werden deshalb auch von durchschnittlich 10.000 Fans beim Public Viewing auf dem zentralen Platz der Freiheit verfolgt. Und in einer Schule bei Brünn wird jetzt sogar der HC Kometa im Unterricht gelehrt: In Mathe werden markante Clubdaten gebimst, in Tschechisch Gedichte und Aufsätze über den Verein geschrieben und in Musik wird eine neue Kometa-Hymne einstudiert. Bei solch einer tollen Unterstützung konnte für die Brünner im ersten Heimspiel dann auch gar nichts schiefgehen: Trotz des 0:1-Rückstands zu Spielmitte wurde die Partie nach Treffern von Jakub Svoboda und Hynek Zohorna mit 2:1 gewonnen. Deshalb waren die Kometa-Fans, die sich tags darauf zum Public Viewing einfanden, auch guten Mutes für die nächste Begegnung:

Sasu Hovi (links) von HC Pardubice (Foto: ČTK)Sasu Hovi (links) von HC Pardubice (Foto: ČTK) „Gestern waren wir in der Arena und haben ein schönes Spiel gesehen, auch wenn es etwas hektisch war. Heute wollen wir das vierte Match hier auf dem Platz vor der Leinwand genießen. Wir werden Kometa weiter unterstützen, und vielleicht gelingt es ja endlich nach langer Zeit wieder den Titel zu gewinnen.“

Diesem Traum kam Brünn im vierten Vergleich noch einen Schritt näher, als Jozef Balej in der 46. Minute zum 1:0 traf, worauf die Fans danach den Namen des Torschützen skandierten. Für den Gegner aus Pardubice aber konnte Martin Bartek neun Minuten später noch ausgleichen, und so kam es nach der Overtime zum zweiten Penalty-Schießen in der Endspielserie. Darin hatten die Ostböhmen erneut das bessere Ende für sich, so dass man nach Spielschluss vor der Gästekabine eines der typischen Rituale nach einem Play-off-Sieg vernehmen konnte: das rhythmische Klopfen mit den Eishockeyschlägern, das nur von wiederholten Kampfschreien unterbrochen wird.

Spiel zwischen Dynamo Pardubice und Červená hvězda Brünn in 1959Spiel zwischen Dynamo Pardubice und Červená hvězda Brünn in 1959 In der Finalserie war jetzt also wieder alles offen, denn nach dem Samstagspiel in Brünn hatte jede Mannschaft zwei Siege auf ihrem Konto. Der psychologische Vorteil lag nun aber wieder auf Seiten des Teams aus Pardubice. Entsprechend losgelöst, ja geradezu entfesselt trumpften die Elbestädter zu Beginn der Begegnung auf, in der sie nach dem ersten Drittel schon auf 3:0 enteilt waren. Und so dynamisch, wie sie spielten, hallte es auch von den Zuschauerrängen – sie skandierten „Dynamo, Dynamo“.

In Pardubice skandieren die Fans oft und gern den Sprechchor „Dynamo, Dynamo“, in Erinnerung an eine starke Vereinsepoche in den 1950er Jahren, in der ihr Verein noch Dynamo Pardubice hieß. Oder aber sie skandieren den Namen, den ihr Verein von 1960 bis 1991 trug: Tesla Pardubice.

Foto: ČTKFoto: ČTK Im fünften Match hatten die Fans überdies reichlich Grund zum Jubel, denn bis 100 Sekunden vor der letzten Drittelsirene führten ihre Lieblinge mit 5:3. Dann aber traf Radek Dlouhý für Brünn zum 4:5, so dass in Pardubice urplötzlich wieder gezittert wurde. Aber nur ganze 27 Sekunden – dann erzielte Bartek das 6:4.

6:4, so heißt auch der Endstand in einer Partie, die die über 10.000 Zuschauer einmal mehr von den Sitzen riss. Für die Gesamtkonstellation in der Serie steht damit fest: Pardubice benötigt nur noch einen Sieg, um das sechste Mal in der Geschichte des Vereins Meister zu werden. Brünn dagegen muss das Heimspiel am Donnerstag gewinnen, um eine alles entscheidende siebte Begegnung zu erzwingen. Entsprechend zweckoptimistisch waren im Anschluss auch die Statements der beiden Trainer:

Zdeněk Venera (Foto: ČTK)Zdeněk Venera (Foto: ČTK) „Es ist richtig: Hier in Pardubice fallen stets viele Tore, in den Spielen bei uns in Brünn waren es hingegen ziemlich wenig. Aber wer weiß, vielleicht kehren wir am Samstag nochmals hierher zurück und wir können die Bilanz zu unseren Gunsten verbessern“, sagte Zdeněk Venera, der Chefcoach der Brünner.

Nach Vorstellung von Ladislav Lubina, dem Co-Trainer der Gastgeber, aber wird Pardubice die Serie am Donnerstag in Brünn beenden:

„Ich hoffe natürlich, dass hier in Pardubice nicht mehr gespielt werden muss und das heutige Match das Spiel war, mit dem sich die hiesigen Zuschauer von der Saison verabschiedet haben.“

Beide Teams glauben fest an den Titel, doch nur eines macht am Ende das halbe beziehungsweise ganze Dutzend in der jeweiligen Vereinsgeschichte voll.

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